Das Stück “Patentöchter” erzählt vom Terror und dem Leben danach

26 Mar
Saarbrücker Zeitung 22.3.´14

SAARBRÜCKER ZEITUNG 22.3.2014

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Kritiken

5 Dec

Theater der Zeit/01 – “Linzers Eck”

von Martin Linzer

Patentöchter Theater der Zeit

Neues Deutschland

Von Tom Mustroph

Der subjektive Blick

Theater unterm Dach: »Patentöchter« – ein Dialog zum RAF-Attentat

Das Theaterstück »Patentöchter« von Mirko Böttcher im Theater unterm Dach beginnt mit einer fulminanten Szene: Zwei Frauen erinnern sich an einen Tag, der ein familiärer Einschnitt war und zugleich ein historisches Datum wurde. Die eine (dargestellt von Claudia Wiedemer) ist die damals 13-jährige Julia Albrecht. Ihre ältere Schwester Susanne führte ein RAF-Kommando in das Haus des Bankiers Jürgen Ponto – die Familie Albrecht war mit Ponto befreundet. Julia war mit ihren Eltern beim Essen, eine Belohnung für das gute Zeugnis, das sie vor Kurzem erhalten hatte. Doch ein Anruf, bei dem – so Julias Erinnerung – gleich »alles klar war«, beendete den Tag

 Die andere (dargestellt von Silke Buchholz) ist die Ponto-Tochter Corinna. Sie berichtet ebenfalls von einem einschneidenden Moment: Sie lebte in London, war gerade dabei, sich ein Essen zuzubereiten und rief dem Mann an der Tür, dem sie noch den Rücken zukehrte, ein »Verschwinde doch!« zu. Anders als sie vermutet, handelt es sich bei diesem Mann aber nicht um die argentinische Sommerliebe Raul, der sie mit diesen Worten den Laufpass geben will, sondern um einen Abgesandten der Bank. Der macht ein derart betroffenes Gesicht, dass auch ihr sofort klar wird, dass etwas Besonderes geschehen sein muss.

 Dies ist ein starker Auftakt. Wiedemer und Buchholz bedienen sich des von Corinna Ponto und Julia Albrecht gemeinsam geschriebenen Buches »Patentöchter«. Beide waren – wie auch Julias Schwester Susanne – Patentöchter der jeweils anderen Familie. Der 30. Juli 1977, an dem die RAF-Mitglieder Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt im Beisein Susanne Albrechts Jürgen Ponto erschossen, fuhr wie ein Blitz in das Leben der beiden Familien. Fortan war nicht nur das Band zwischen ihnen zerrissen. Corinna Ponto und Julia Albrecht beschrieben auch, wie ihnen jeweils das eigene Leben genommen wurde. War die eine nur noch »die Schwester von …«, so musste sich die andere, die später Sängerin wurde, des Öfteren anhören: »und die singt auch noch …?«

 Bevor Claudia Wiedemer und Silke Buchholz sich wieder dieses Schicksals ihrer Hauptheldinnen annehmen – und es berührend interpretieren -, wurde ihnen jedoch von Regisseur Böttcher der Auftrag erteilt, den Tathergang auch aus der Perspektive Susannes und der von Corinnas Mutter Ines zu rekonstruieren. Der Figurentausch jedoch misslingt; für ein paar quälende Minuten sinkt die Inszenierung auf das Niveau von Wandzeitungs-Dokumentar-Theater herab.

Allerdings nimmt sie danach wieder Fahrt auf. Wiedemer beschreibt, wie Julias Umgebung mit Fahndungsplakaten der Schwester zugepflastert ist. Erst als sie sich entschließt, die Schwester bei jedem Plakat mit »Hallo Schwesterchen« zu begrüßen, kann sie sich aus der Starre befreien. Fast so traumatisch wie die Auswirkungen der Tat selbst gestaltet sich für Julia die Wiederbegegnung mit der Schwester nach deren Verhaftung 1990. Susanne Albrecht hatte als RAF-Aussteigerin in der DDR nicht nur einen anderen Namen angenommen. Sie erzählte Julia auch, dass es in ihrer Legende »keinen Platz für eine Schwester« gegeben und sie sie überhaupt völlig vergessen habe, da diese bei ihrem Abtauchen im RAF-Untergrund noch sehr klein gewesen sei. »Hallo Schwesterchen« wird hier zu einer verzweifelten Anklage.

Silke Buchholz hat als Corinna Ponto ihren starken Auftritt, als sie sich über diverse Aufklärungspannen des BKA beklagt sowie über die mutwillige Vernichtung von vielen Metern Akten zu den Mordfällen Ponto, Buback und Schleyer, über den geringen Aufklärungswillen hinsichtlich der Aktivitäten von Agentenführern der Staatssicherheit der DDR im Terrorkrieg der RAF.

Ponto zufolge war einer der maßgeblichen Offiziere der HVA ausgerechnet in den zwei heißesten Jahren des »Deutschen Herbsts« im »Einsatzgebiet«, also der Bundesrepublik, tätig. Ans familiäre Drama schließt sich – nicht nur ihrer Lesart nach – ein von verschiedensten Interessen geleiteter Verschweige- und Vertuschungskomplex an.

Die Protagonistinnen beschränken sich in ihrer Sicht auf die RAF auf einzig deren Brutalität und lassen die historische Einbettung des – freilich anmaßenden – Stadtguerrilla-Konzepts in die politischen Kämpfe der 70er und 80er Jahre außer Acht. Das ist in weiten Teilen der Inszenierung seine Stärke. Zeigt sie doch den radikal subjektiven Blick, den die beiden Frauen auf die historischen Ereignisse haben und in dem sowohl die traumatischen Auswirkungen auf die Angehörigen als auch das zwischen Sensationsgier und klischeehafter Vereinfachung changierende Verhalten der Gesellschaft sichtbar werden.

»Patentöchter« ist eine Inszenierung mit beunruhigenden Botschaften. Wenn Einzelne sich zu Richtern aufschwingen und Geheimdienste ein seltsames Spiel mit den Bedrohern ihrer Ordnung treiben, mit jenen also, die nämlich Garanten ihres eigenen Arbeitsplatzes sind und perspektivisch zu Bedrohern der Ordnung ihrer Gegner werden können, bei solchem Spiel bleiben nicht nur die Angehörigen der Täter, sondern gleich die gesamte Zivilgesellschaft auf der Strecke. Schon seltsam, dass die NSA ihren Edward Snowden hat, im Falle des BKA aber Whistleblower fehlen.

Nachtkritik

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8713:patentoechter-&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

Morgenpost

Ein Mord kettet zwei Frauen aneinander

Mehr tragisches Familien- als Politdrama: “Patentöchter”

Von Katrin Pauly

Für die RAF war er das System. Für sie war er der Vater. Als Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 in seiner Villa in Oberursel erschossen wurde, war seine Tochter Corinna 20 Jahre alt. Corinnas Patenonkel Hans-Christian Albrecht, ein Jugendfreund Jürgen Pontos, hatte ebenfalls eine Tochter, Susanne. Sie war es, die Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar an diesem Nachmittag ins Haus der Pontos einschleuste. Susanne taucht danach für viele Jahre unter. Worunter ihre kleine Schwester Julia, die wiederum das Patenkind des ermordeten Ponto war, sehr litt. Erst 30 Jahre später nehmen Corinna Ponto und Julia Albrecht Kontakt auf. Sie schreiben ein Buch darüber. “Patentöchter” heißt es. Regisseur Mirko Böttcher hat es für die Bühne bearbeitet und zeigt die gleichnamige Inszenierung im Theater unterm Dach.

So weit die Fakten für die Akten. Doch die taugen nicht für individuelles Erinnern, noch nicht mal für kollektives. Weshalb sie dann auch gleich zu Beginn in geschredderten Papierfetzen nur als Geschichtsmüll auftauchen und kreisrund den Erinnerungsplatz der beiden Frauen umrahmen. Waren die Terroristen auf der Terrasse, im Esszimmer? Hat Pontos Frau während der Schüsse telefoniert oder nicht? Es ist nicht relevant, nicht für die zwei Frauen, die an diesem Tag beide ihrer biografischen Freiheit beraubt wurden. Die eine als Schwester der RAF-Sympathisantin, die andere als Tochter des Ermordeten. “Ich hasse die Täter nicht”, sagt sie, “aber ich hasse die Rolle, in die sie mich gezwungen haben.” Opfer sind sie beide.

Und so spielen Claudia Wiedemer und Silke Buchholz in diesem geradlinigen, feinen Kammerspiel, das eher tragisches Familien- als Politdrama ist, auch nicht die Geschichte von Schuld und Vergebung, sondern die Geschichte zweier Frauen, die ironischerweise durch die Tat aneinander gekettet sind. Unter sehr unterschiedlichen Vorzeichen freilich. Über den Tag, an dem Susanne Albrecht 1990 in der DDR plötzlich wieder auftaucht, sagt die eine, die Schwester: “Ich war glücklich.” Die andere, die Tochter: “Ich musste kotzen.” Wiedemer und Buchholz gehen behutsam mit ihren Figuren um, stellen sie nicht dar, sondern im besten Sinne nebeneinander vor. Weshalb dieser Abend genau genommen kein Dialog ist, sondern eine Art Duett, mit wechselnden Einsätzen. Und das durchaus auch im musikalischen Sinn, denn an Cello (Wiedemer) und Klavier (Buchholz) liefern die beiden auch gleich noch musikalische Untermalung. Mit wechselnden Einsätzen, auch zweistimmig bisweilen, meist da, wo sich Erinnerungen kreuzen, an die Kindheit zum Beispiel, die, wie das bei befreundeten Familien eben so ist, zeitweise eine gemeinsame war.

Vor allem aber ist es ein Abend, der mitten in die Gegenwart reicht. Welche Rolle spielten Stasi, BND und BKA bei der Angelegenheit und warum ist bis heute manches so nebulös? Diese Fragen stellen sich beide. Und wenn ganz am Schluss dann doch noch das Stichwort Versöhnung fällt, dann ist es keine, die die Frauen miteinander aushandeln müssen. Wenn es überhaupt Versöhnung geben kann, dann müsste es die mit einer lückenhaften Geschichtsschreibung sein.

Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg. Tel. 902 95 38 17. Termine: 14./15.12.; 16./17. Januar

© Berliner Morgenpost 2013 – Alle Rechte vorbehalte

 

Die Freie Welt

Von Vera Lengsfeld

Patentöchter im Theater unterm Dach

17. Januar 2014, 04:55

Das Buch „Patentöchter“, der Autorinnen Julia Albrecht und Corinna Ponto ist kein gewöhnliches Buch. Es ist eines der brisantesten politischen Bücher in Deutschland.

Was die Schwester der Terroristin Susanne Albrecht und die Tochter des ermordeten Vorstandssprechers der Dresdener Bank,   Jürgen Ponto, vorgelegt haben ist weit mehr als die Aufarbeitung der familiären Tragödie einer Täter- und einer Opferfamilie. Es ist eine neue, für viele überraschende Sicht auf den nationalen Terror der RAF in den 70er Jahren.

Die RAF war keineswegs eine kleine Gruppe idealistischer junger Leute, die im edlen Kampf gegen das „Schweinesystem“, wie sie die beste Demokratie, die Deutschland je hatte, nannten, zu weit gegangen waren. Die Terroristen waren die Marionetten von Machern, deren Namen nach 30 Jahren immer noch unbekannt sind. In den wenigen überlebenden Akten der Staatsicherheit der DDR finden sich Aufsehen erregende Spuren. Alle RAF-Terroristen waren bei der Stasi registriert. Die Tat von Susanne Albrecht wird in einer Stasiakte als „Einsatz“ bezeichnet.

Die Opfer der RAF-Anschläge, die, mit  Ausnahme des Mordes an Ponto, alle nicht aufgeklärt sind, waren herausragende Vertreter der Bundesrepublik, Männer, die in Politik, Wirtschaft und Justiz einen großen  Beitrag zur Festigung von sozialer Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Demokratie geleistet haben. Die Botschaft des Buches, dass es sich beim RAF-Terror um eine von Geheimdiensten gesteuerte Aktion gehandelt hat, ist in der Welt.

Nun gibt es eine Theaterfassung , die der Regisseur Mirko Böttcher hergestellt und einstudiert hat.

Das Zweipersonenstück, gespielt von Claudia Wiedemer und Silke Buchholz, ist eine ebenso dichte, wie beklemmende Zusammenfassung des Buches.

Dass die handlungsarmen Monologe und seltenen Dialoge keine Sekunde langweilig werden, ist der hohen Schauspielkunst der beiden Darstellerinnen zu verdanken. Die Zuschauer werden in die Geschichte förmlich hineingezogen und sind noch lange nach Ende des Stückes darin gefangen.

Was Wiedemer und Buchholz bieten ist keine einfache Geschichtserzählung, obwohl die schon spannend genug wäre, sondern philosophische Reflexionen über Gewalt, Geheimdienste, Sicherheit, Opfer und falsche Revolutionäre.

Wie brisant der Stoff bis heute ist, offenbart das Programmheft.

Es zitiert einen von der Autorin Regine Igel (Terrorismus-Lügen) gefundenen Vermerk vom 26.2. 1990:

„Im ehemaligen Amt für nationale Sicherheit der DDR (ehemals Staatssicherheit) liegen all Erkenntnisse zu den Geheimdiensten der BRD aufbereitet vor. Auch in den Köpfen von Spezialisten der Aufklärung und Abwehr sind diese Erkenntnisse gespeichert. Bei Offenlegung des Wissens über die Geheimdienste der BRD kann mit einer beträchtlichen Störung des gesamteuropäischen Einigungsprozesses gerechnet werden.“

Wer sich dieses brisante Stück nicht entgehen lassen möchte, kann es sich hier anschauen:

Berlin: 17., 30. 31. Januar, 20 Uhr Theater unterm Dach,

 

KULTURA EXTRA 15.12.2013 | 14:50 / DER FREITAG

Jamal Tuschick

Mörderische Patentochter

Theater „Patentöchter“ im Berliner Theater unterm Dach

Bei einem RAF-Attentat am 30. Juli 1977 verlor Corinna Ponto ihren Vater und Julia ihre Schwester Susanne Albrecht

Wir haben in einer Situation, in der Bundesanwaltschaft und Staatsschutz zum Massaker an den Gefangenen ausgeholt haben, nichts für lange Erklärungen übrig.    Aus einem Bekennerschreiben zur Ermordung von Jürgen Ponto

Das sind keine ungebetenen Gäste. Patentochter Susanne wurde von ihren Eltern angekündigt, sie wird Freunde mitbringen. Soviel unkomplizierte Geselligkeit ist ganz natürlich in ihrem Alter. Man erwartet junge Leute, die Köpfe noch in den Wolken. Hauptsache gewaschen. Später will man nach Südamerika fliegen, die Koffer sind schon gepackt. Susanne und ihre Freunde verspäten sich. Sie treffen dann mit Rosen und Pistolen ein. „Und der Haifisch, der hat Zähne“ – Onkel Jürgen sieht erst einmal nur die „reichlich verblühten Blumen“, er sucht eine Vase. Da die Gattin telefoniert.

Deutschland im Hochsommer 1977. Für die RAF ist Bankier Jürgen Ponto ein Repräsentant „des Schweinesystems“. Geplant war seine Entführung, sie misslingt mit der Beteiligung von S.A., Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar. Auf der Gasse wartet Peter-Jürgen Boock im Fluchtauto.

In Oberursel fallen Schüsse mit gedämpftem Schall. Leise geht eine Ouvertüre zum deutschen Herbst über die Bühne der Geschichte. Auf der Theaterbühne unterm Dach wird die Geschichte aufgerollt. Nach einem Dialog zwischen Albrechtschwester Julia und Ponto-Tochter und Albrecht-Patentochter Corinna – „Patentöchter“. Die Bühnenfassung stammt von Mirko Böttcher.

Wie ernst war die Entführungsabsicht? Wollte man nicht einfach töten? Jürgen Ponto stirbt auf dem Weg in die Klinik, Patentochter Susanne Albrecht taucht ab. Sie wird mit Steckbrief gesucht. Ihr umflortes Gesicht bebildert die Republik, „was meinst du, wie das für mich war?“

„Ich war dreizehn, die kleine Schwester von Susanne.“

Julia Albrecht, inzwischen Juristin, Journalistin, Co-Autorin der „Patentöchter“. Damals geradezu verliebt in die große Schwester. Claudia Wiedemer spielt Julia unverlegen, zupackend. Sie rackert sich ab an der einst Bewunderten. Sie will verstehen. Begreifen. Kapieren. Wie viel RAF steckt in Susanne?

Corinna Ponto möchte manches richtig stellen. Sie betont: „Ich war nicht dabei.“ Corinna lebte 1977 in London, für sie war der 30. Juli Vortag einer Reise und Schlusstag einer Affäre. Sie erwähnt das „argentinische Temperament“ des ausrangierten Latin Lover. Silke Buchholz spielt eine höhere Tochter, die auf ihre Fassung achtet. Sie spielt in einem enormen Mantel, als sei seit dem Attentat jeder Tag ein Abreisetag gewesen. Sie distanziert sich ständig mit operetten’dem Aufwand, während Julia kräftig ins Fleisch greift. Auch wenn es weh tut.

Von einem Tag auf den anderen ist sie nur noch „Schwester einer Terroristin“. Das Volk gärt. Lauter Scharfrichter wollen kurzen Prozess machen. „Unter Adolf hätte es das nicht gegeben.“

Warum nicht Sippenhaft, solange die eigene Familie nicht. Das Glück all derer, an denen der Kelch solch einer Susanne vorbeigegangen ist. Das Glück paar sich mit Verachtung. Apartheid in Deutschland für Albrechts. „Irgendwann begannen wir, das Fahndungsplakat auf der Litfaßsäule zu begrüßen: ‚Hallo Schwesterlein, wie geht’s? Hängst du da immer noch rum?’“

Auf der anderen Seite die Klammheimlichen mit ihrer Freude an den Verbrechen der anderen. In diesen Kreisen muss sich rechtfertigen, wer dem bewaffneten Befreiungskampf aus schierer Selbstermächtigung einer verschwindenden Minderheit nicht das Wort redet. Ich bin bereits sechzehn und lese den „Eindimensionalen Mensch“ von Herbert Marcuse. Das Zauberwort heißt „repressive Toleranz“. Zwingt den Staat, sein wahres Gesicht zu zeigen. Reißt die Maske von der Fratze des Faschismus’.

Claudia Wiedemer und Silke Buchholz spielen auch ihre Verwandten, zu Wort kommt so Ignes Ponto, die ihren Mann sterben sah. Auch Corinnas Mutter möchte Dinge richtig stellen und hinweisen auf Versagen des Bundeskriminalamtes. Ignes unterstellt den Mördern ihres Mannes Tötungsabsichten von vornherein. Dem BKA unterstellt sie anders-arge Absichten. Hundert Meter Akten seien geschreddert worden, zur Verschleierung von Ermittlungspannen. Corinna vermutet beim BKA keinen Aufklärungswillen, sobald es um Verstrickungen der DDR-Staatssicherheit mit der Roten Armee Fraktion geht.

Die prekäre Aktenlage wird auf der Bühne mit Papierschnee illustriert. Es werden Stühle neu gruppiert und Ventilatoren unter Strom gesetzt. Erst 1990 trifft Julia Susanne wieder. Die RAF-Aussteigerin war in der DDR untergekommen und aufgeflogen. Die neue Identität sah keine Schwester vor. Die Ältere verweigert der Jüngeren den Familienanschluss. Vor Gericht behauptet sie, Schlimmeres verhindert haben zu wollen mit ihrer türöffnenden Teilnahme an der gescheiterten Entführung. Sie sei begierig gewesen, Tote zu vermeiden. Julia identifiziert den Text als Entlastungsstrategie. Susanne Albrecht alias Ingrid Jäger tritt als Kronzeugin in Stammheim auf, Aufklärung erscheint inzwischen wichtiger als Bestrafung. Julia muss erkennen, dass ihre Schwester mit Geschick vorgeht. Sie spielt ihre Rolle in der RAF herunter. Kein besonderes Schuldgefühl treibt sie. Das kriegt auch Corinna mit, im Gerichtssaal hämen die Sympathisanten.

Claudia Wiedemer und Silke Buchholz spielen so zusammen, dass ihr Stück aus den Fugen der Zeit gerät. „Der Einbruch der Zeit in das Spiel“ (Carl Schmitt) verwandelt den Dialog der Patentöchter in ein Drama.

Erschien zuerst auf KULTURA-EXTRA: http://www.kultura-extra.de/literatur/autorenlesungen.php:

Cellesche Zeitung

celleKritik

Bei den Proben…

14 Oct
foto: Katja Kettner

foto: Katja Kettner

Theaterfassung des gleichnamigen Buches von Corinna Ponto und Julia Albrecht.

Uraufführung 7. Nov 2013, 20:00 Theater unterm Dach Weitere Vorstellungen Theater unterm Dach 8./ 9. Nov // 14./ 15. Dez // 30./ 31. Jan 2014, 20:00 Schlosstheater Celle 15./ 16./ 17. und  21./ 22./ 23. Nov // 5./ 6./ 7. Dez, 20:00

Darstellerinnen: Claudia Wiedemer, Silke Buchholz
Regie / Textfassung Mirko Böttcher // Dramaturgie Katja Kettner // Ausstattung Anja Kreher // Musik Michael Kessler // Produktionsleitung Christine Elbel

Das Buch PATENTÖCHTER Im Schatten der RAF — ein Dialog von Julia Albrecht und Corinna Ponto ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

 

Koproduktion des Theater unterm Dach mit dem Schlosstheater Celle.

Gefördert durch das Bezirksamt Pankow, die Augstein Stiftung, die Heinz und Heide Dürr Stiftung und die Crowd von Startnext. In Zusammenarbeit mit KunstStoff e.V.